Standortbetreibung heute – Komplexität flexibilisieren

Das Narrativ der aktuellen Zeit ist eine komplexe Welt, die neue Methoden benötigt, um bewältigt zu werden. Der Betrieb eines Chemiestandorts, vor allem der eines großen Multi-User-Standorts, ist eine der komplexesten organisatorischen Strukturen: hier trifft die Komplexität historisch gewachsener Standortstrukturen auf die Notwendigkeit der ansässigen Unternehmen, sich an die VUCA-Rahmenbedingungen ihres Geschäftsumfeld anzupassen. Das macht jede Veränderung in der Standortbetreibung zu einer nicht-trivialen Aufgabe.

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Komplexität

Was macht den Betrieb eines Chemiestandorts so komplex? Aus unserer langjährigen Erfahrung in der Weiterentwicklung und Optimierung kleiner wie großer Standorte lassen sich vier wesentliche Treiber der Komplexität ableiten.

Natürliche Monopole

Chemieparks enthalten echte natürliche Monopole. Zu großen Teilen hängen sie an Assets wie Netzen und Infrastrukturbetrieben. Ein Treiber der Komplexität sind die unterschiedlichsten etablierten Lösungen, wie diese natürlichen Monopole gesteuert werden können: gesellschaftsrechtliche Konstruktionen mit diversen Anteilseignerschaften, Trennung des Asseteigentums von den Betreiberaufgaben, vertragsrechtliche Steuerungsfunktionen wie Pflichtleistungen oder Open-Books-Konstruktionen. Die Privatisierung öffentlicher Monopole hat weitere Lösungen (z.B. Netzbetreiber und Durchleitungsrechte) aber auch weiteren Regelungsbedarf gebracht (z.B. Konsortiallösungen mit Blick auf das EEG). Durch die Weiterentwicklungen der Steuerungsmechanismen über die letzten beiden Dekaden ist die Komplexität der Lösungen noch gewachsen.

De-facto Monopole

Vermengt sind natürliche Monopole schon immer mit De-facto-Monopolen. Die meisten Leistungen des Standortbetriebs sind nur auf dem Papier marktgängig. Leistungen der Infrastruktur und produktionsnaher Services (wie technische, logistische oder analytische Services) in entsprechender Erfahrung, Qualität und Menge sind an den allermeisten Chemiestandorten nicht marktgängig, weil nicht von mehreren gleichwertigen Anbietern verfügbar. Insofern haben sich hier – vielfach noch nicht einmal explizit gesteuerte – langlaufende, hochkomplexe und veränderungsresistente Kunden-Lieferanten-Verhältnisse entwickelt. Andererseits bilden sich in Randbereichen hochkompetitive Teilmärkte (z.B. in hochwertigen, aber verbreiteten technischen Services), in denen der eingesessene Standortbetreiber, aus realen wie psychologischen Gründen oftmals nicht die besten Chancen hat.

Investitionen

Die dritte Dimension von Komplexität verursacht die Investitionsfrage. Infrastrukturinvestitionen folgen einer anderen Logik, als solche in Chemieanlagen. Immer dann, wenn um knappe Investitionsmittel verhandelt wird, haben Infrastrukturinvestitionen aus einfachen strategischen Gründen das Nachsehen. Die dazu etablierten Umgehungsmechanismen (z.B. unterschiedliche Wege der Finanzierung über Preisbildung), um doch eine nachhaltig investierte Infrastruktur zu erhalten, sind vielfältig, aber nicht trivial in der Anwendung.

Physik

Alle komplexe Regelungs- und Steuerungsfähigkeit, um Interessen zu entflechten, kann allerdings niemals eine der physikalisch-faktischen Rahmenbedingungen eines Chemiestandorts beseitigen. Produktion steht vor Ort, an einem bestimmten Standort, in einem bestimmten Umfeld und vor allem mit festgelegten Nachbarproduktionen. Geräuschimmission und Sicherheitsfragen sind immer noch auf unternehmensindividueller Ebene nicht zu lösende Probleme. Die kollektive Lösung zu fazilitieren oder zu erzwingen bleibt in den Fällen, in denen nicht der Staat diesen Zwang genehmigungsrechtlich ausübt, ein Monopol des Standortbetreibers.

Flexibilisieren

Was bedeutet das für die Standortbetreibung heute? Die Reduktion der Komplexität und der Versuch die „beste Lösung“ zu finden ist notwendigerweise zum Scheitern verurteilt. Die Struktur jedes individuellen Chemiestandorts ist zu ausdifferenziert und zu angepasst an die jeweiligen Ausgangs- und Rahmenbedingungen. Damit liegt die Antwort für den Standortbetreiber, wie er seinen Standort für die komplexer werdende Umwelt fit macht, nicht im „intelligenten Konzept“. Sie liegt vielmehr in der Flexibilisierung des Ist-Zustandes mit Blick auf neue Herausforderungen, Anforderungen und Möglichkeiten. Die Schritte dazu sind

  1. ein systematisches konzeptionelles Hinterfragen des Ist-Zustandes,
  2. das Verhandeln eines Zielbilds, das den Anforderungen der Parteien und der Unsicherheit des Ausblicks entsprechend hinreichend flexibel ist, und
  3. das Erzeugen einer übergreifenden Veränderung, die beteiligte Unternehmen, handelnde Personen und konkrete vertragliche Beziehungen einschließt und die gewünschte Flexibilität verstetigt.

Standortbetreibung ist Veränderungsmanagement. Darüber sollte man sich austauschen.

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